Schwarz, weiß Bild, Mensch auf beleuchtetem Parkplatz allein

Sollten soziale und politische Themen auf das Individuum abgewälzt werden?

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Schon öfter haben wir uns im engeren Freundeskreis darüber unterhalten wie schwierig es ist, die umweltfreundlichste Option zu wählen. Oft schaffen wir es nicht, konsequent klimaverträglich zu handeln. Eigentlich okay für mich. Ich weiß, dass Menschen nicht immer konsistent handeln, auch wenn sie das gerne wollen. Doch vor einigen Tagen war es dann wieder soweit. Der Einkauf stand an.

Ein kompliziertes Unterfangen: Ich wollte Eier kaufen. Ich stand vor dem Regal. Bio-Eier sollten es sein. Und ohne Kükenschreddern. Und regional. Aber bitte eine 6er-Packung. Zehn Eier sind zu viel. Vier zu wenig. Im Regal stand nur noch die 10er Bodenhaltung. Und 6er Freiland, aber kein Zeichen, dass sie bei einer Initiative gegen Kükenschreddern mitmachen. Toll! Gestresst ging ich weiter durch den Supermarkt, um die übrigen Sachen in meinen Korb zu laden. Am Ende nochmal zum Eierregal. Vielleicht doch Freiland? Oder extra nochmal woanders hingehen? Meine kognitiven Kapazitäten waren fast ausgeschöpft. Ich wollte doch nur kurz einkaufen… Da ich es nicht über mich brachte, ging ich tatsächlich in einen zweiten Supermarkt und fand dort sechs Bio-Eier, die von einem regionalen Bauernhof waren, bei dem keine männlichen Küken getötet werden. Puh, geschafft. Der Tag war gerettet. Bis ich auf das Preisschild sah. Pures Gold also. Kein Problem mit meinem üppigen Studentengehalt. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Was ist hier los, frage ich mich: Warum ist Massentierhaltung überhaupt erlaubt? Warum ist Fliegen billiger als Bahn fahren? Und warum habe ich das Gefühl, dass ich mich dafür rechtfertigen muss, warum ich überhaupt Eier kaufe oder Käse in Plastikverpackung?

Sollten soziale und politische Themen auf Individuen abgewälzt werden?

Ist individueller Verzicht die Lösung der Klima- und Umweltkrise?

Es ist wichtig, dass wir verstehen: Persönliche Konsumentscheidungen alleine reichen nicht aus, um die Klima- und Umweltkrise aufzuhalten. Als ich mich mit der Frage auseinandergesetzt habe, wer in Deutschland am meisten CO2 ausstößt, wurde mir schnell klar, warum wir unseren Fokus verschieben sollten: Drei Viertel des jährlichen CO2-Ausstoßes in Deutschland sind auf die Bereiche Energie, Industrie und Verkehr zurückzuführen.

Laut dem Umweltbundesamt lagen die Emissionen im Jahr 2017 allein im Bereich Energiewirtschaft bei 312 Millionen Tonnen CO2.

Was ist das für eine unvorstellbare Zahl? Und ja man kann jetzt sagen, dass wir letztlich als Konsument:innen entscheiden, was wir konsumieren und somit Angebot und Nachfrage regulieren. Das stimmt zum Teil auch, aber: Selbst wenn wir privat auf allen Ebenen konsequent umweltfreundlich handeln würden, würden wir es mit den Strukturen, die in Deutschland herrschen, nicht schaffen, unseren CO2-Fußabdruck genug zu reduzieren, um die Klima- und Umweltkrise aufzuhalten. Der durchschnittliche pro Kopf-Ausstoß in Deutschland beträgt jährlich ungefähr 11 Tonnen. Um die Klimakrise aufzuhalten, dürften wir jedoch nur 1-2 Tonnen pro Kopf produzieren. Im Vergleich: Der weltweite Ausstoß liegt bei rund 4,7 Tonnen pro Kopf. Also auch weltweit zu viel, aber in Deutschland besonders. 

Individuelle Bemühungen sind wertvoll und hilfreich – Shaming ist es nicht!

Wir haben also ein Strukturproblem. Und da ist es vor allem Aufgabe der Politik, Rahmenbedingungen zu setzen, die ein nachhaltiges Zusammenleben gewährleisten. Und das heißt nicht Verbote auszusprechen, die nur die Konsument:innen betreffen, sondern vor allem bereits in der Produktion ansetzen, sodass wir uns als Verbraucher:innen ganz ohne Probleme für die umweltfreundlichste Variante entscheiden. Zum Beispiel weil es einfach keine Massentierhaltung gibt. Weil die umweltfreundliche Variante, die nicht auf Ausbeutung basiert, die bequemste Variante ist.  

Wir sollten auf keinen Fall aufhören, persönliche Konsumentscheidungen zu hinterfragen und umweltfreundlicher zu leben.

Allerdings muss das nicht perfekt sein und vor allem nicht IMMER.

Und was noch viel wichtiger ist: Es bringt uns nicht weiter, uns gegenseitig dafür fertig zu machen, wenn wir manchmal eben doch noch Kuhmilch trinken oder beim Einkaufen vergessen haben, eine eigene Tasche mitzubringen.

Wenn wir davon ausgehen, dass es allein unsere Verantwortung ist, klimafreundlich zu handeln, sind wir nach dieser Logik auch daran schuld, wenn es nicht klappt. Wir versagen also, wenn wir nicht die richtigen Eier kaufen oder zu viel Plastikverpackungen im Kühlschrank haben. Wir sind selbst daran schuld, weil wir einfach nicht konsequent genug sind. Das erzeugt extremen Stress und lässt uns wahrscheinlich eher kapitulieren, als aktiv etwas gegen den Klimawandel zu tun.

Das Privileg einer klimafreundlichen Lebensweise

Die ganze Diskussion über eine nachhaltige und klimafreundliche Lebensweise schließt auch viele Menschen aus. Nicht jeder hat die Handlungsfreiheit und den Zugang zu klima- und umweltfreundlichen Alternativen. Es ist aktuell ein Privileg, umweltfreundlich zu leben. Nicht jede Familie kann es sich leisten nur im Bioladen einkaufen zu gehen. Sind wir finanziell nicht abgesichert, haben wir andere Dinge im Kopf als möglichst umweltfreundlich zu konsumieren.

Kritik und Shaming für vermeintlich falsches Verhalten bringen uns also nicht weiter. Es ist wichtig, dass wir unsere gesellschaftlichen Regeln umweltfreundlich gestalten und dabei alle Leute abholen. Nicht nur die, die es sich leisten können oder gerade die Zeit dafür haben. 

Deswegen ist es besonders wichtig, dass sich unsere Strukturen so verändern, dass alle Menschen Zugang zu einer gesunden und nachhaltigen Lebensweise haben unabhängig von sozioökonomischen Status, Herkunft und Geschlecht. Es ist also keine individuelle Aufgabe einer einzelnen Person, sondern vor allem Aufgabe der Politik, Regeln und Anreize zu schaffen, welche die klimaverträgliche Option als “Standard-Option” ermöglichen.

Wir sind nicht allein auf der Welt

Ganz abgesehen davon könnten wir jetzt noch ein weiteres Fass aufreißen und darüber nachdenken wie pervers es ist, dass wir in den Industrienationen wie Deutschland darüber diskutieren, welche Eier wir einkaufen oder ob wir die Bahn oder das Flugzeug nehmen, während die Folgen des Klimawandels ungerecht auf der Welt verteilt sind und vor allem die Bevölkerungsgruppen am stärksten betroffen sind, die am wenigsten dazu beigetragen haben. So haben zum Beispiel weite Teile Afrikas sehr geringe CO2-Emissionen: Trotzdem sind die Auswirkungen der Klima- und Umweltkrise in Form von Dürren, Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen schon jetzt viel drastischer im globalen Süden (vor allem Länder in Afrika, Latein-und Südamerika, Asien) zu spüren als in Deutschland. 

Dies hat auch die Frage aufgeworfen, wie zukünftige Verteilungs-Lösungen des noch zur Verfügung stehenden CO2-Budgets aussehen könnten, da Industriestaaten wie Deutschland in der Vergangenheit mehr zum Fortschreiten der Klimakrise beigetragen haben als Länder des globalen Südens. In der Diskussion um eine klima- und umweltfreundliche Lebensweise ist es also ganz entscheidend global und vor allem intersektional zu denken, denn verschiedene strukturelle Ungleichheiten überschneiden sich. So sind arme Familien, Frauen, indigene Gemeinschaften und Gruppen, die von Landwirtschaft leben, besonders verletzlich und können sich unter Umständen schlechter an die sich veränderten Bedingungen anpassen als ein weißer heterosexueller Mann, der in Deutschland lebt und womöglich noch eine Führungsposition in einem großen Konzern inne hat (natürlich etwas überspitzt, aber ihr versteht worauf ich hinaus will).

Viel Input – was heißt das jetzt? Worauf wir uns lieber konzentrieren sollten

Klimaverträgliches Handeln muss die einfachste Option werden. Damit das passiert ist es wichtig, politischen Druck auszuüben. Und hier zählt sehr wohl jede individuelle Entscheidung. Anstatt also unsere Ressourcen dafür zu verbrauchen, jeden Bereich unseres eigenen Lebens klimaverträglich zu gestalten und zwei Stunden beim Einkaufen zu brauchen, sollten wir uns engagieren und versuchen die Regeln so zu verändern, dass das Leben für uns alle einfacher und gerechter wird. Die Möglichkeiten sind endlos: Verkehrsberuhigte Straßen, mehr und bessere Fahrradwege, Verbot von Kohlekraftwerken, eine CO2-Steuer, die Konzerne anspornt, umweltfreundlicher zu produzieren. 

Meistens wird über das Thema Klima- und Umweltkrise nur negativ berichtet. Verzicht und Anstrengung kommen mir da vor allem in den Sinn. Doch die Veränderungen, die wir anstreben, haben viele Benefits. Mehr Bewegung, gesündere Ernährung, mehr Ruhe vom lästigen Verkehr in Innenstädten. Wir profitieren von einer positiven Vision der Zukunft

Ich bin aber kein:e Aktivist:in oder doch?

Wir können uns schnell machtlos fühlen, wenn wir an die großen Veränderungen denken, die wir brauchen, um die Klima- und Umweltkrise zu bewältigen. Wo sollen wir anfangen? Auch hier ist es wieder so: Wir müssen das nicht alleine machen. Es gibt unzählige Initiativen und Projekte auch auf lokaler Ebene, denen wir uns anschließen können. Fridays for Future hat sich auch gebildet, weil viele Einzelpersonen gemeinsam den Beschluss gefasst haben, etwas zu verändern. Du findest das hört sich alles gut an, aber irgendwie bist du nicht der Aktivist:innen-Typ?

Ich bin selbst die Person, die ewig gebraucht hat, zu einer Fridays For Future Demo zu gehen. Warum das so lange gedauert hat? Ich dachte, ich passe da nicht rein. Zu inkonsequent, zu wenig Wissen über die genauen Zusammenhänge. Als ich dann endlich da war, war ich begeistert. Die unterschiedlichsten Menschen kommen zusammen, alle mit demselben Ziel: Klimagerechtigkeit. 

Wo liegt denn jetzt eigentlich die Verantwortung?

Die Verantwortung liegt ganz klar bei uns allen. Das heißt auch bei der Politik. Es ist unsere Verantwortung, Veränderung anzustoßen. Die Verantwortung sollte aber auf keinen Fall auf das Individuum abgewälzt werden. Es ist weder hilfreich, noch gesund, sich ständig dafür fertig zu machen, “perfekt” klimaverträglich zu konsumieren. Was zielführend ist:

Wenn wir uns der kollektiven Verantwortung annehmen und so Veränderungen anstoßen. Diese können national, global, aber auch im kleinen lokalen Bereich stattfinden.

Wir sollten es feiern und fördern, dass der Fortschritt möglichst bunt ist. Und noch was: Demonstrieren ist nicht die einzige Möglichkeit, sich zu engagieren. Es gibt so viele coole Aktionen, an denen wir uns beteiligen können. Selbst wenn es „nur“ eine Spende ist oder wir bei den nächsten Wahlen daran denken. Einfach machen und aufhören rumzushitstormen, weil bei Greta Thunberg im Zug Plastikverpackungen auf einem Foto zu sehen waren oder weil Luisa Neubauer angeblich zu viel fliegt.

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Quellen

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. (2018). Klimaschutz in Zahlen. Fakten, Trends und Impulse deutscher Klimapolitik. https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/klimaschutz_in_zahlen_2018_bf.pdf 

Energiebedingte Emissionen. (2020, 11. März). Umweltbundesamt. https://www.umweltbundesamt.de/daten/energie/energiebedingte-emissionen#energiebedingte-treibhausgas-emissionen 

Klimaneutral leben – Persönliche CO2-Bilanz im Blick. (2019, 19. September). Umweltbundesamt. https://www.umweltbundesamt.de/klimaneutral-leben-persoenliche-co2-bilanz-im-blick 

Knopf, B. (2019, 17. September). Politische Lösungen statt Verzicht. Tagesspiegel Background. https://background.tagesspiegel.de/energie-klima/politische-loesungen-statt-verzicht 

MDR. (2020, 22. Januar). Die Top 5 der CO2-Verursacher Deutschlands. MDR.DE. https://www.mdr.de/wissen/deutschland-top-fuenf-klima-emissionen-100.html#sprung0 

Neubauer, L. (2021, 16. März). 3 Ökotipps, mit denen wir das Klima retten… nicht. 1,5 Grad – der Klima-Podcast mit Luisa Neubauer [Podcast]. Spotify. https://open.spotify.com/episode/1nJTLeXwgHCKH4Md82AlfX?si=ShX6UZgURqG9_HR4Qs1PgQ 

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